Damenlikörchor
PRESSE

Von Constanze Bandowski

freie Journalistin

Erschienen in der Zeitschrift Publik-Forum, Heft 15/2025


Ein Chor mit Glitzer, Spaß und Haltung - Sie singen über Sex im Alter, Miederhosen und Frauenfußball: Der Hamburger Damenlikörchor bringt gesellschaftliche Themen mit Schwung und Charme auf die Bühne. Am Anfang aber stand eine Schnapsidee.


Tosender Applaus überflutet den letzten Akkord. Das Publikum springt von den Stühlen auf, es jubelt, pfeift und klatscht. „Noch ne Krise – Damenlikörchor gegen rechts“, heißt der Song. „Dieses Lied war uns ein Anliegen“, ruft Chorchefin Jutta Jahnke ins Mikrofon. Ihre 34 Chorschwestern verneigen sich. Sie strahlen, atmen tief durch und blicken erfüllt ins Publikum des Billstedter Kultur Palasts im Osten Hamburgs. Mit ihrem Song haben sie bei der Vorpremiere des neuen Programms wieder einmal Haltung gezeigt. Wie Anfang des Jahres, als sie gegen den Rechtsruck auf die Straße gingen oder für das Projekt „Sing mit uns, Europa!“ des Hamburger Vereins Art Crossing Borders die ukrainische Nationalhymne sangen. Dann geht es weiter im Programm mit lustigeren Themen Sex im Alter, alltägliche Eheprobleme, Arthrose, Schuhe oder Miederwaren. Aber auch häusliche Gewalt oder der Aufruf, einen Verein gegen die Einsamkeit und für den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu gründen, kommen in ihren Liedern vor.


Zwei Wochen später, bei einer Chorprobe, haben die Chorsängerinnen Zeit zu erzählen. „Unsere Themen haben immer etwas mit uns zu tun“, sagt Texterin Ruth Toma. „Es geht immer darum, wer wir sind, was uns bewegt und manchmal ruft mir eben jemand aus dem Chor zu: ‚Mach doch mal was über figurformende Unterwäsche!‘“ Oder über Laster wie Sahneschlemmen, Rauchen oder Lästern, die Damen-Fußball-WM oder Gewalt gegen Frauen. Für den neuen Song „Ja, da steht sie“ hat der Chor einen kompletten Tag im Hamburger Park Planten un Blomen vor der Kamera verbracht. Eindrückliche Schwarz-Weiß-Bilder, die die Botschaft des weiblichen Empowerments bekräftigen. „Ja, da steht sie“, heißt es im Song, „fester, als er glaubt, weil sie stärker ist als er. Sie gehört ihm nicht, sie gehört nur sich.“

Der Hamburger Damenlikörchor entstand vor 27 Jahren aus einer Schnapsidee oder besser: einer Likörlaune heraus. „Wir saßen mit ein paar Freundinnen in der Küche und dachten, wir können ja nicht immer nur trinken“, erinnert sich Jutta Jahnke und lacht. Die großgewachsene Kabarett-Agentin mit tiefer Stimme gehört mit Drehbuchautorin Ruth Toma zu den likörtrinkenden Damen der ersten Stunde. Edda Schnittgard vom Comedy-Duo Queen Bee wurde Chorleiterin. Ihr folgte Christian Willner vom Komiker-Duo „Emmi und Herr Willnowsky“. Der Musikwissenschaftler wollte einen echten Showchor mit drei Stimmen und mindestens 30 Frauen, zehn pro Stimmlage. „Wir stellten uns damals zum ersten Mal die Frage: Wer sind wir?“, erzählt Ruth Toma. „Uns war schon immer klar: Wir sind anders als andere Chöre, aber wir wussten nicht genau wie.“ So etablierten sie sich als echter Showchor mit eigenen Songs, Choreografien und Kostümen, der frauenspezifische Themen voller Lust und Witz auf die Bühne bringt.


Foto-Shootings in Miederhosen


Den Durchbruch hatte der Chor 2006 beim NDR-Wettbewerb „Der Norden singt“. Seitdem touren die Damen bis nach Köln und Oberhausen, drehen Videos in hellblauen Badehandtüchern mit roten Frotteeturbanen vor dicken Container-Pötten in der Elbe, machen professionelle Foto-Shootings in hautfarbenen Miederhosen oder eingehüllt in Goldfolie mit blauen Perücken und entwickeln ständig neue Ideen. Während Corona wechselte die Chorleitung ein weiteres Mal. Mit Mathias Weibrich, Komponist, Dirigent und Musikalischer Leiter großer Theater und Musical-Produktionen, wird der Chor noch professioneller und gesellschaftspolitisch engagierter. Neben kritischen und heiteren Eigenkompositionen sammeln die Damen nach ihren Konzerten Spenden für den Verein „Frauen helfen Frauen“. Auch in Billstedt sind wieder um die 2.000 Euro für die Hamburger Frauenhäuser zusammengekommen. „Die Idee stammt von Mathias“, sagt Jutta Jahnke und zieht eine selbstkritische Schnute „Darauf hätten wir in all den Jahren ja auch mal selbst kommen können!“

Mathias Weibrich löst nach dem Einsingen im Proberaum Stimmtrainer Benno Schöning am Klavier ab: „Meine Damen! Heute vertiefen wir die Änderungen im Programm.“ Mit seinen langen Beinen und Armen sitzt der 44-Jährige tief gebeugt über dem Piano wie „Schroeder“ über seinem Flügel bei den Peanuts. Im Gegensatz zum Beethoven-Verehrer im Comic ist Weibrich ein absoluter Teamplayer und teilt seine Euphorie für die Musik voller Hingabe mit anderen Menschen.

Ohne Umschweife stimmt er die Akkorde des neuen Songs „Laster“ an, ein swingiges Stück, das die Damen mal tupfig, mal lasziv oder auch zickig betonen sollen. „Ihr Mittelstimmen dürft richtig verrucht sein“, fordert er die beiden Altstimmen auf. „In diesem Teil dürft ihr viel frecher sein“, kitzelt er die Feinheiten an einer anderen Stelle heraus. In Takt 58 sollen sie ein kurzes F singen. Manche Details probt der tiefe Alt allein, der Bass soll den Beat „cheaky“ rüberbringen. Weibrich springt auf, schnippt mit den Fingern und ruft mit aufgerissenen Augen: „Hier muss es ganz groß sein!“ Er stampft mit den Beinen, rudert mit den Armen, brüllt: „Step, puff, big, pow! Und am Schluss kommt dann die Big Band!“ Alle lachen, erheben sich von ihren Stühlen und üben den Teil ein weiteres Mal mit Bewegung.

Seit drei Jahren ist Bettina Skutta dabei: „Ich bin sehr glücklich in diesem Chor“, sagt die 55-jährige Gesundheitsmanagerin. Sie kam mit 13 weiteren Damen neu hinzu. Heute ist der Damenlikörchor mit 41 Frauen zwischen 39 und 68 Jahren in vier Stimmlagen voll besetzt. Das Eintrittskriterium Chorerfahrung brachte Bettina Skutta mit 15 Jahren in einem Gospelchor mit. Vor allem Chorleiter Weibrich hat es der großen Bass-Sängerin angetan: „Er ist absolut professionell und hat eine wunderbare Art, uns alle zusammenzubringen. So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Während die Damen sich in der Pause frisch machen, quatschen, etwas essen und trinken, erklärt Mathias Weibrich seinen Anspruch an die Musik: „Kunst muss politisch sein und dieser Chor verschafft Themen Aufmerksamkeit, die gesellschaftlich relevant sind wie Gewalt gegen Frauen oder Emanzipation. Natürlich ist das auch lustiges Kabarett, aber wenn diese 41 starken Frauen auf der Bühne stehen, können sie wirklich etwas verändern.“ Als schwuler Mann profitiere er selbst von der Emanzipation der Frauen seit den 1960er-Jahren. Sie habe Integration und Diversität überhaupt erst ermöglicht. „Ich glaube, jeder und jede, der als Zuschauer oder Zuschauerin in diesem Konzert sitzt, wird an irgendwelchen Stellen Dinge über sich selber infrage stellen müssen. Ich glaube nicht, dass der Abend an irgendjemandem spurlos vorübergeht.“


Geld verdienen die Frauen nicht


Der Hauptgrund, im Damenlikörchor zu singen ist für Jutta Jahnke eindeutig: „Wir machen das natürlich in erster Linie, weil wir daran Spaß haben“, sagt sie. „Wenn das mal aufhört, lasse ich es sein.“ Keine Sängerin, Texterin, Organisatorin oder Social-Media-Beauftragte verdient Geld, egal wie viel Zeit sie investiert. Die meisten sind sowieso berufstätig. Nur der Chorleiter, Pianist, Techniker und Stimmtrainer werden bezahlt. „Dieser Chor frisst sehr viel Zeit“, so Jahnke.

16 Konzerte hatten die Damen mit ihrer Jubiläumstour zum 25-jährigen Bestehen. Zu den regelmäßigen Chorproben kommen Sonderproben wie heute, Treffen der Einzelstimmen, Choreografieproben, Chorwochenenden, Fototermine, Interviews, Videoproduktionen, Kostümauswahl und vieles mehr.

Doch der Aufwand lohnt sich. Darin sind sich die Damen einig. Und dafür erhalten sie viel Wertschätzung. „Wir sind einfach kein Wald- und Wiesenchor, aber das hohe Engagement bekommt viel Wertschätzung“, sagt Tonia Kirmse. Die jüngste Sängerin startet das Programm mit einem sehr charmanten Solo in kurzem Rüschenkleid. „Die Proben sind extrem anstrengend, aber dadurch wird’s auch richtig geil“, findet Lena Kagerah, die vorher in einem Kneipenchor gesungen hat und schon froh war, wenn sie einen Kanon hinbekommen hatten. Die politischen Statements findet die 45-Jährige „großartig“.

Chorchefin Jutta Jahnke charakterisiert den Damenlikörchor folgendermaßen: „Ich würde bei uns weibliches Empowerment auf eine lustvolle, unterhaltsame Weise draufschreiben. Und das macht einfach richtig viel Spaß!“


Erschienen in der Zeitschrift Publik-Forum, Heft 15/2025