| | Am Anfang war die "Odyssee"
Zeltheater: Die Fliegenden Bauten feiern am Montag ihr 20-jähriges Bestehen
Von Frauke Hartmann
Hamburg -
7. Mai 1982: Das Wasser stand knöcheltief im Zelt, und die zwölf jungen
Leute stapften in Gummistiefeln zur Bühne. Außer zu einem kurzen
Durchlauf am Nachmittag hatten sie seit einer Woche keine Zeit zum
Proben der "Odyssee" gefunden, die sie weitgehend frei improvisierten.
Das Zusammenpacken, die Fahrt mit den Zirkuswagen, 25 Kilometer in der
Stunde, der Zeltaufbau, die Versorgung der Wagenburg mit Strom und
Wasser - das dauerte. Wie der Regen. Drei Dutzend Zuschauer hatten sich
in Tübingen zur Premiere eingefunden. Und obwohl sie Decken verteilt
hatten, saß nach der Pause nur noch die Hälfte da. Auch der Rezensent
vom Schwäbischen Tagblatt war gegangen. Er schrieb: "Kalte Dusche für
Odysseus: Vom Niveau bewegen sie sich irgendwo zwischen Krippenspiel
und schlechtem Schülertheater." Das saß. Dass die Fliegenden Bauten
dennoch weiterreisten, war ein Akt von grenzenlosem Idealismus. Jenem
Idealismus der 70er-Jahre, der die Anti-Akw-, die Öko- und die
Friedensbewegung entstehen ließ und von einer Machbarkeitseuphorie
getragen wurde, die mit der Wahl von Helmut Kohl ihre Ernüchterung
erfuhr. "Auf der ersten Tournee haben wir uns nur von Reis und Sellerie
ernährt", erinnert sich Francesca de Martin, eine der wenigen
Ehemaligen, die heute noch als Solo-Schauspielerin arbeitet. "Die
Einnahmen reichten meistens gerade, um das Benzin zur nächsten
Tournee-Stadt zu kaufen", erklärt Eckhard Lessmüller, der inzwischen
eine Firma für Lasertechnik betreibt. Und wenn die Fliegenden Bauten
1982 nicht auf Sylt gelandet wären, wo sie ihre "Odyssee" einem
begeisterten Publikum in immer neuen Versionen, einmal, bei heftigem
Sturm, notgedrungen sogar als Pantomime vorgespielt hätten, wer weiß,
ob es sie dann noch gäbe. Dennoch stiegen am Jahresende fünf Akteure
aus, die gleichzeitig als Musiker, Artisten und in Doppelrollen
benötigt wurden. Matthias Krämer, Mitbegründer der Gruppe, fällt es
schwer, Worte zu finden: "Das kann man einfach niemandem begreiflich
machen, warum wir wie die Vollidioten freiwillig so viele Entbehrungen
und Widrigkeiten auf uns genommen haben." Und doch hat genau diese
Haltung dazu beigetragen, dass das Zelttheater in den 80er-Jahren eine
der erfolgreichsten deutschen Theatergruppen wurde. Und heute, 20 Jahre
später, als ein ansehnliches mittelständisches Unternehmen dasteht, mit
über 20 Angestellten und rund 100 Teilzeitkräften unter Führung von
Matthias Krämer und Sebastiano Toma. In Hamburg eroberte es seinen
festen Platz an der Glacischaussee. Und auf Sylt ist es mit dem
Meerkabarett jeden Sommer ein Publikumsrenner. Natürlich hatten sich
Micha, Matthias, Karen, Suse, Eckhard, Cornelia, Andi, Ruth, Klaus und
Francesca das alles ganz anders vorgestellt, als sie 1981 im Englischen
Garten unter einer Blutbuche beschlossen, jenseits der lebensfernen
Hochkultur Profis zu werden. Sie alle hatten schon einige Jahre
Straßentheater hinter sich, nebenbei studiert, waren von Clownpower,
Gauklern und Jerome Savary fasziniert und waren auf der Suche - nach
Methoden der Schauspielerei, nach einem mobilen Theater, wie es sich
einst Molière mit seinem Theaterwagen ausgedacht hatte, kurz: nach dem
wahren Leben in unentfremdeter Arbeit. Als sie nach dem Vorbild von
"Ton Steine, Scherben" und der stadttheaterflüchtigen
Schauspielertruppe Theaterhof Priessenthal in einen leer stehenden
Gasthof im schwäbischen 100-Seelen-Flecken Zaiertshofen zogen, hatte
sich mancher das Landleben paradiesisch vorgestellt. Es bestand aber
aus Knochenarbeit und ausführlichen Auseinandersetzungen. Und war ein
Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Im Winter machten sie Zelt und
Wagen flott, die sie mit 120 000 Mark Startkapital vom Zirkus Atlas
gekauft hatten, halfen den Bauern gegen Naturalien, probten im
einstigen Tanzsaal und diskutierten endlos am Küchentisch. Sommers
erledigten sie die Tournee, vom Kartenverkaufen bis zum Kloputzen. Spaß
hats trotzdem gemacht, sagen heute die meisten. Im zweiten Jahr gewann
die Gruppe, nachdem sechs neue, unter ihnen technisch versierte Kräfte
wie Sebastiano Toma, zu ihnen gestoßen waren, wieder Oberwasser. Nach
der Devise "Krieg und Geilheit sind immer modern" hatten sie sich
diesmal den Kampf um Troja vorgenommen, unter dem Titel "Rote Lippen,
blanke Schwerter". Langsam fanden sie zu ihrem Stil, der spontan,
komisch und radikal im Einsatz von Hilfsmitteln aller Art war. "Linkes
Boulevardtheater" ist vielleicht der treffendste Begriff, für das, was
sie in ihren folgenden Produktionen entwickelten. "Was an
Professionalität fehlte, machten sie durch Authentizität wieder wett",
sagt einer ihrer Regisseure, der Münchner Autor Dieter Woll. Dabei
waren sie meist ihrer Zeit voraus. Schon weil sie die Regie nie selber
machten. Konflikte gabs auch so genug. Mit ihrer Bilderrevue "Titanic",
gastierte die Truppe 1984 erstmals auf Kampnagel. Hier fanden sie
ihresgleichen (die Hamburger freien Gruppen bespielten das Gelände
damals in Selbstverwaltung) und schlugen ihr Winterquartier auf. Immer
häufiger benutzten sie ein Diaprojektionsverfahren für verblüffende
Bühneneffekte, das Sebastianos Bruder Fernando Toma ausgetüftelt hatte.
Sie hatten ein Büro, Computer und einen Geschäftsführer, der die
Pressearbeit machte - misstrauisch beäugt von den Kampnagel-Kollegen.
Gleichwohl klappte nicht alles. Als sie 1986 für ihr Stück "Die
Außerirdischen" probten, in dem Arbeitslose zum Cluburlaub auf den Mond
entsorgt werden, fehlten laufend Schauspieler. "Weil sie Küchendienst
hatten", schimpft ihr damaliger Regisseur Werner Koj. Auch ein Problem,
das die Gruppe in den Griff bekam. Die Einnahmen reichten inzwischen ,
um eine Köchin einzustellen. Ihren größten Erfolg, die Geschichte des
Zerfalls einer Wohngemeinschaft unter dem Titel "Helden - haarscharf am
Leben vorbei", feierten sie 1987. Endlich waren sie bei ihren eigenen
Erfahrungen angekommen, und unbewusst war es auch der Abschied von der
Idee des Kollektivs, mit der sie angefangen hatten. "Wir waren dabei,
uns selbst zu überleben", sagt Ruth Toma, die damals Wenzl hieß und
heute zur Spitzenliga deutscher Drehbuchautoren zählt. Nach dem
Revolverstück "Bäng Bäng" und der Wende löste sich die Gruppe Ende 1990
auf. Matthias Krämer und Sebastiano Toma übernahmen Zelt und Namen, den
sie einst beim Amt für Fliegende Bauten gefunden hatten. Und das
Risiko, in einer Kulturlandschaft, in der die freien Gruppen längst von
den Zeitläuften aufgesogen wurden, ohne Subventionen konkurrenzfähig zu
bleiben. Heute stehen die beiden zwar nicht mehr auf der Bühne, aber
dafür mitten im kulturellen Leben der Stadt. Die hochfliegenden Pläne
sind einstweilen fest verankert im Dauerbetrieb auf Hamburger Boden.
erschienen am 4. Mai 2002 im hamburger Abendblatt
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